Bildung heißt für mich vor allem, Menschen fähig zu machen

Zu lange galt die bloße Wissensvermittlung durch Frontalunterricht als Bildung. In Zeiten großer Umbrüche reicht das meiner Meinung nach nicht mehr aus. Aktuelle, nie dagewesene Herausforderungen brauchen neue, kreative Lösungen. Da wir das reine Wissen sowieso in Form von Smartphones mit uns herum tragen, sollten wir Bildung wieder mehr als Befähigung verstehen.

Das setzt eine ganz andere Art des Lehrens und Lernens voraus. Nicht über die Köpfe der Lernenden hinweg, sondern mit ihnen zusammen.

Der Lehrer als Vorbild und Mentor

Der Lehrer, den ich hier im weitesten Sinne meine – auch Eltern, Erzieher oder Vorgesetzte zählen dazu – begibt sich in die Situation des Lernenden und begleitet ihn von dort aus weiter. Eine demütige Haltung braucht es natürlich schon bei dieser Art des Unterrichtens, denn dieser Typus des Lehrers erwartet keine Fortschritte aus der Ferne, sondern signalisiert vielmehr: Ich komme zu dir, begleite dich und bleibe für diesen Prozess an deiner Seite. Genau das hat Christus gemacht.

Eine solche Haltung drückt sich auch bei Paulus aus, wenn er von Führungsarbeit in den Gemeinden spricht. Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort Katechet setzt sich zusammen aus kata = herab und hegeomai = führen. Der Katechet, also der geistliche Leiter und Lehrer, der Bildung vermittelt, ist demnach einer, der sich herabneigt, dorthin, wo der Schüler ist. Er holt ihn ab und führt ihn weiter. Aus diesem Verständnis heraus sind Lehrer Vorbilder, die begleitend unterweisen.

Wohin führt es, wenn wir über den Tellerrand schauen?

Ein weiterer Schwerpunkt von Bildung heißt für mich: Wohin führt diese Wissensvermittlung? Was macht sie mit den Menschen? Kürzlich hat mich das Abschlussgespräch mit einem unserer Studenten der Theologie und Philosophie und seiner Frau sehr bewegt. Er studiert an der Akademie für Leiterschaft (www.leiterschaft.de) in der Nähe von Stuttgart, deren Leitungskreis ich angehöre.

Die Ehefrau des Studenten gab mir folgende Rückmeldung: „Seit mein Mann bei euch an der Akademie studiert, ist er sehr viel weltoffener.“

Ich freute mich, dass er ein größeres Verständnis für Menschen und Zusammenhänge bekommen hatte. Wusste ich doch, dass das Paar aus einem eher kleinbürgerlichen Ort stammte mit einer Kirchengemeinde, die tendenziell konservativ und eng geführt wurde. Zum einen veränderte diesen Studenten die Begegnung mit Kommilitonen, die sich von ihm unterschieden im Hinblick auf ihre theologische Grundausrichtung, ihre Herkunft sowie ihr Alter. Zum anderen eröffnete ihm auch die Art der Ausbildung eine neue Weitsicht.

Theologie der Verantwortung: Stell dir vor, die Leute würden das leben, was du vermittelst

Ich verstehe Bildung nicht nur im Sinne der Wissensvermittlung, des kritischen Denkens und Hinterfragens. An unserer Akademie ist es nicht wichtig, dass Studierende wortwörtlich nachplappert, was der Lehrer sagt. Viel entscheidender finden wir, durch folgende Frage die Ausrichtung von Lehrern zu schulen: Kannst du verantworten, was du vermittelst? Daher bringen wir auch unseren Studierenden, die später selbst im geistlichen Bildungsauftrag stehen werden, eine ‚Theologie der Verantwortung‘ nahe.

Die zentrale Frage, die wir immer im Hinterkopf haben, lautet: Führt ein bestimmter Inhalt die Lernenden zu einem besseren Leben oder in die Katastrophe, in die Sackgasse, in zerstörerische Prozesse? Die Menschen, die in irgendeiner Weise im Bildungsauftrag stehen, sollten sich meiner Meinung nach fragen: Was werden wir in 20 Jahren für eine Gesellschaft haben, wenn die Kinder tatsächlich leben, was wir ihnen beigebracht haben und können wir das verantworten?

Auch in Kenia mangelte es an ganzheitlicher Bildung

Ungefähr zehn Jahre lang reiste ich nach Kenia, um einem Missionar zu helfen, der dort aktiv ist. Er hatte mich darum gebeten, weil seine evangelistischen Bemühungen kaum das Leben der Menschen zum Positiven veränderten. Allerdings hatte ich mich mit Afrika bis dato kaum beschäftigt. So fuhren wir viel herum, um mit zahlreichen Bürgermeistern, Rektoren und Pastoren zu sprechen.

Meine Fragen waren immer dieselben: Was bewegt euch? Wie ist der Zustand eures Ortes, eures Dorfes, eurer Stadt? Was braucht ihr? – Einerseits war es faszinierend für mich zu sehen, dass so viele Menschen im Land an Jesus Christus glaubten. Andererseits war ich geschockt, in welch elendem Zustand das Land (trotzdem) war. Elend etwa in Bezug auf Korruption sowie auf das Bildungs- und Gesundheitswesen.

Bildung sollte die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen entwickeln

Wir kamen zu dem Schluss: Wenn wir dem Land helfen wollen, dann müssen wir in Bildung investieren. So bauten wir eine Akademie auf, an der ich über zehn Jahre lang einen Lehrauftrag hatte. Uns war klar, dass wir den Menschen eine akademische Ausbildung ermöglichen wollten, einen Bachelor oder Master. Und fragten uns, welche Bildung darüber hinaus sinnvoll wäre. Denn reines Wissen verbessert längst nicht das Leben von Menschen noch schafft es automatisch sinnvolle Lösungen für eine Gesellschaft. Dazu gehören Charakterbildung und Integrität, die wiederum durch Vorbilder vermittelt werden.

So entstand unser Motto: ‚Nicht nur lernen, um zu wissen, sondern lernen, um zu können.‘ Die Mentoringprozesse, die wir in Afrika in die Wege leiteten, gestalteten sich aber zunächst erstaunlich schwierig. Sie waren im damaligen Kenia längst nicht üblich. Aufgrund der dortigen Kultur mussten wir ältere, weisere Frauen und Männer als Mentoren einsetzen, damit sie überhaupt in das Leben der Menschen hinein sprechen durften. Eine große Herausforderung. Doch gleichzeitig war es auch schön zu sehen, dass es einige Menschen gab, die unseren Bildungsansatz gerne annahmen und wiederum andere begleitend unterwiesen.

Zusammenfassend gehört für mich zur Position eines (geistlichen) Lehrers:
  • Zu erkennen: Wo stehen die Leute, die ich unterrichten und führen darf?
  • Bereit zu sein, zuzuhören und in die Situation der Menschen hineinzugehen
  • Sich zu fragen: Wohin führe ich sie?
  • Und bin ich bereit, auch Verantwortung dafür zu übernehmen, wohin ich die Menschen führe?

Eine solche Haltung spiegelt zutiefst die Stadtreformer-Kultur wider. Ich bin überzeugt davon, dass sie Menschen befähigen wird, über sich selbst hinauszuwachsen.

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